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Kommentar: Muss das sein?

Als Bürger von Tauberbischofsheim, der zur Jagd geht und sich viele Gedanken zum Thema „Fleisch als Lebensmittel“ macht, bin ich erschüttert über die Meldungen aus dem hiesigen Schlachthof über Tierquälerei und unnötiges Tierleid. Egal ob in der Fleischindustrie oder auf der Jagd: sowohl tierschutzrechtliche als auch ethische Aspekte haben oberste Priorität.

Wenn es darum geht, das Lebensmittel Fleisch zu gewinnen, so dürfen wir nicht vergessen, dass wir es immer noch mit einem Lebewesen zu tun haben. Es empfindet ebenso wie wir Stress, Schmerz oder hat einen Freiheitsdrang. Es ist in meinen Augen dennoch nichts Verwerfliches daran Fleisch zu essen. Jedoch ist es unabdingbar, dass wir uns an Regeln halten, das Tier achten und dementsprechend behandeln – ob beim Schlachten oder der jagdlichen Erlegung.

Im jagdlichen Brauchtum wird nach der Jagd Strecke gelegt und dem Tier die „letzte Ehre“ erwiesen. Das mag für manche Menschen paradox und altmodisch klingen, jedoch ist es meiner Meinung nach besonders in der heutigen Zeit wichtig, einen Moment inne zu halten und sich darüber im Klaren zu sein, dass man einem Tier das Leben genommen hat – dies aber auf eine humane und möglichst schmerzfreie Art. Es gilt unnötiges Tierleid zu vermeiden und zwar unabhängig davon, ob auf der Jagd oder in kommerziellen Schlachthäusern.

Wie das traurige Beispiel des Tauberbischofsheimer Schlachthofes zeigt, ist in der industriellen Fleischproduktion der Profit und die laufenden Bänder augenscheinlich wichtiger, als der Versuch einer humanen Tötung der Kreatur. Fleischqualität wird kontrolliert, aber das Tierwohl nicht. Leider ist dieses Beispiel kein Einzelfall und zurecht geht momentan ein Aufschrei durchs Land! Es wäre schön, wenn daraus auch entsprechende Maßnahmen und Konsequenzen resultierten und künftig bundesweit ein Umdenken stattfände – auch bei uns Bürgern.

Aufgrund der zu erwartenden Afrikanischen Schweinepest (ASP) gibt es auch ein Umdenken in großen Teilen der Bevölkerung zum Thema Jagd auf Wildschweine. Überall hört und liest man, dass die Jäger so viele Schwarzkittel töten sollen, wie möglich, um so eine Seuchenverbreitung zu erschweren. Wurde die Jagd gestern noch kritisiert, so schreit die selbe urbanisierte Bevölkerung heute nach den Jägern um Hilfe.

Auch bei manchen Jägern hat ein Umdenken stattgefunden. Aus meiner Sicht aber oftmals auch in die falsche Richtung, denn sie lassen sich als Schädlingsbekämpfer genau vor diesen Karren spannen. Jagdzeiten und -methoden verrohen unter dem Deckmantel der ASP Prävention zusehens. Als aktiver Jäger möchte ich klar betonen, dass ich sehr wohl für eine scharfe Bejagung des Schwarzwildes bin. Wichtig ist für mich in diesem Zusammenhang jedoch, dass wir dabei die ethischen und menschlichen Prinzipien nicht über Bord werfen, waidgerechte Prinzipien.

Auch in der Politik hat ein Umdenken stattgefunden. Wurde im Oktober 2016 mit dem Jagd- und Wildtiermanagementgesetzt die Bejagung der Wildschweine noch mutwillig erschwert, so fordert unser hiesiger Landrat Frank nun Abschussprämien und suggeriert damit, ein Jäger würde für Geld mehr Tiere schießen. Es sollen 70% der Bestände getötet werden. Ob hohe Wildschweinbestände aber auf zu geringen Jagddruck oder womöglich eher auf exzessiven Maisanbau zurückzuführen sind, lassen wir an dieser Stelle besser mal unbeantwortet.

Mit die effektivste Möglichkeit der Bestandsreduktion wäre die Drückjagd. Da ist es in meinen Augen nicht nachvollziehbar, weshalb diese Methode per Gesetz an Sonntagen stark reglementiert und beschnitten wurde, wo doch genau dann die meist berufstätigen Jäger Zeit hätten. Zeitgleich sollen aber auf einmal Dinge erlaubt werden, die bisher noch unter Strafe gestanden hätten, wie zum Beispiel der Einsatz von Nachtzielgeräten.
Ferner hat Landwirtschaftsminister Peter Hauk den Einsatz von sog. Saufängen als Möglichkeit in den Raum gestellt. Saufänge sind wohl die grausamste Art Wildschweine zu töten und ist ethisch, wie tierschutzrechtlich keinesfalls vertretbar. Wilde Tiere in Gattern zu fangen und abzuschießen hat mit Jagd nichts mehr zu tun. Der Stress für die Tiere ist maximal, wenn sie zusehen müssen, wie ein Artgenosse nach dem anderen regelrecht hingerichtet wird. So etwas ist unmenschlich und darf es nicht geben!
Das Land Baden-Württemberg weichte den Elterntierschutz auf und fasste damit ein Thema an, an das sich bislang noch niemand gewagt hatte:

Pressesprecher Jürgen Wippel vom Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz erklärte: „Ein fahrlässiger Abschuss einer für die Aufzucht notwendigen Bache (Wildschwein Muttertier) im Rahmen von Bewegungsjagden im Zeitraum vom 15. Oktober bis 31. Januar ist künftig nicht mehr als Ordnungswidrigkeit zu verfolgen, da in der Regel kein öffentliches Interesse an der Verfolgung besteht. […]“

Genau das meine ich: es besteht kein öffentlichen Interesse mehr, wenn Tierkindern fahrlässig die Mutter weggeschossen wird? Ernsthaft? Denkt der Großteil von uns wirklich so? Das kann ich mir nicht vorstellen!

Die oben angeschnittenen Entwicklungen nehme ich mit Sorge zur Kenntnis und möchte eindrücklich daran erinnern, dass wir es immer noch mit Lebewesen zu tun haben. Als zivilisierte Menschen haben wir hier eine Verantwortung und dürfen hier nicht zu barbarischen Methoden greifen.

Daher bedarf es auch dringend eines Umdenkens auf Seiten der Industrie. Gewinnmaximierung und Turbokapitalismus, bei dem Ethik keinen Platz mehr hat, sind hier definitiv eine Entwicklung in die falsche Richtung!

  • Muss es sein, dass die Mitarbeiter des ortsansässigen Schlachthofes das Töten am Fließband unter zeitlichem Druck machen, der zu Stress bei Tier und Mensch führt, nur damit das Band nicht steht?

 

  • Muss es sein, dass wir Jäger wie oben beschrieben im Prinzip jedes Wildschwein töten dürften, auch wenn es ein Muttertier wäre?
    >> Der Abschuß von Elterntieren ist generell daneben, unabhängig ob vorsätzlich oder fahrlässig.

 

  • Muss es sein, dass Jäger mit Abschussprämien geködert und animiert werden, mancherorts noch Mitte Februar Drückjagden abzuhalten, obwohl ganz klar ist, dass hochträchtige Bachen aktuell ihre Frischlinge zur Welt bringen?
    >> Die Jagd bei der Wildschweine mit Treibern und Hunden aufgescheucht werden hat meiner Ansicht nach nicht mehr stattzufinden, wenn wir alle wissen, dass Muttertiere mit dickem Bauch oder kleinen Jungtieren zu erwarten sind – ASP hin oder her!

 

  • Muss es sein, dass momentan die ganze Republik über die Milliarden-Risiken, die ein Ausbruch der ASP hätte diskutiert und Lidl seelenruhig Rohwurst aus Polen verkauft?
    >> Unabhängig davon, ob Lidl beschwört seine Rohstoffe nur aus so genannten freien Gebieten Polens zu beziehen ist das in meinen Augen ein völlig schmerzfreies Verhalten.

Unsere Gesellschaft manövriert da teilweise in eine komische Schräglage und viele merken es nicht, weil sich dazu niemand so recht Gedanken macht.
Ich würde mir wünschen, dass wir uns alle mal fragen, ob wir nicht auch einen Teil dazu beitragen, dass sich die Welt so verändert hat.
Müssen wir jeden Tag Fleisch essen? Muss Fleisch so billig sein?

Lasst uns den Respekt vor den Tieren nicht verlieren, egal ob eine Tierseuche droht oder Discounter nach Billigfleisch rufen.

 

Thilo Duschner
Tauberbischofsheim, 15.02.2018

 

Das ist des Jägers Ehrenschild,
daß er beschützt und hegt sein Wild,
waidmännisch jagt, wie sich’s gehört,
den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.

Das Kriegsgeschoß der Haß regiert,
Die Lieb’ zum Wild den Stutzen führt:
Drum denk’ bei Deinem täglich Brot
Ob auch Dein Wild nicht leidet Not?

Behüt’s vor Mensch und Tier zumal!
Verkürze ihm die Todesqual!
Sei außen rauh, doch innen mild,
Dann bleibet blank Dein Ehrenschild!

(Oskar von Riesenthal, 1880)

 

Stern TV zeig schockierende Aufnahmen aus dem Schlachthof Tauberbischofsheim.

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